
Reinhold
wachte mitten in der Nacht auf, weil er irgendein Geräusch,
das nicht in die nächtliche Klangkomposition passte,
bemerkt hatte. Er spitzte die Ohren und irgendwann erkannte
er, dass dort draußen wohl eine Frau oder ein
Mädchen vor seinem Fenster weinte. Reinhold wohnte
im Hochparterre mit dem Balkon zur Straße hin
und vor dem Balkon war eine kleine Grünanlage mit
Bänken. Vorsichtig talpte er zum Fenster, er hatte
die Jalousien nicht ganz runter und spähte hinaus.
Und richtig, dort sah er einen Blondschopf auf einer
der Bänke sitzen und ihr Rücken zuckte vom
Schluchzen. Was sollte er tun, fragte er sich? Er beschloss,
ein Gentleman zu sein und sie zu fragen, ob er ihr helfen
könne. Er zog sich schnell eine Jogginghose über
und verließ die Wohnung, um sich ihr von vorne
zu nähern, er wollte sie nicht von hinten anquatschen.
Sie bemerkte ihn nicht, bis er direkt vor ihr stand
und sich zu ihr herunter beugte. Sie schaute mit von
Tränen verquollenen Augen zu ihm hoch.
"Kann ich dir irgendwie helfen? Du kannst doch
nicht die ganze Nacht hier draußen sitzen bleiben,
auch wenn es Sommer ist..." "Ja, ich weiß
ja," brachte sie unter Schluchzen hervor, "aber
ich gehe nicht zurück zu diesem Scheißkerl
und ich weiß nicht, wo ich sonst heute nacht hingehen
könnte." Reinhold überlegte kurz und
bot ihr dann an, dass sie die Nacht bei ihm auf dem
Sofa verbringen könne. "Ich mach dir auch
einen Tee, ich glaube, den kannst Du gebrauchen."
Sie überlegte und er konnte sehen, wie sie die
Aussicht, die ganze Nacht auf einer Parkbank zu verbringen
und zu einem fremden Mann in die Wohnung zu gehen, abwog.
Schließlich siegte wohl sein offenes, freundliches
Gesicht und sie stimmte dankbar zu.
Als sie zusammen bei einem Tee in der Küche saßen
und sie schon eine halbe Packung Zigaretten aufhatte,
die sie nur paffte, wusste Reinhold, dass sie Sabine
hieß, und ihr Freund, der immer schon sehr aufbrausend
gewesen war, sie heute nacht bei einem Streit geschlagen
hatte. Und richtig, jetzt fiel ihm auch auf, dass eine
ihrer Wangen geschwollen war, als würde sie gerade
vom Zahnarzt kommen. Irgendwann machte er ihr dann ein
Lager auf dem Sofa und ging mit dem guten Gefühl,
einer netten Frau geholfen zu haben, ins Bett. Als Reinhold,
Student aus Leidenschaft, am nächsten Morgen für
seine Verhältnisse recht früh aufstand, schlief
Sabine noch. Er blickte gerührt auf ihr im Schlaf
ganz rosiges Gesicht und die einzelnen blonden Haarsträhnen,
die sich um ihr Gesicht ringelten, während sie
sich noch in ihrer Traumwelt befand.
Als er aus dem Wohnzimmer hinaus wollte, stieß
er versehentlich an den Tisch und ein Stapel Zeitschriften
rutschte auf den Boden. Sabine wachte auf. Zuerst sah
sie sich etwas überrascht um, dann schienen ihr
die Ereignisse der Nacht wieder einzufallen. Sie frühstückten
gemeinsam und Reinhold fiel irgendwann auf, dass sie
sich mehr als nötig einander in die Augen sahen.
Sie konnten gar kein Ende finden und am Ende hatten
sie fast drei Kannen Kaffee getrunken und ihre Hände
berührten sich beim Erzählen immer häufiger
wie zufällig.